Autor: Alex

  • Bret Brothers: Bang for a buck

    Bret Brothers: Bang for a buck

    Manchmal braucht es im Burgund keinen großen Namen auf dem Etikett. Kein Puligny-Montrachet, kein Meursault, kein Premier Cru. Manchmal reicht ein Mâcon-Villages – zumindest dann, wenn er von den richtigen Leuten gemacht wird.

    Wer sich etwas intensiver mit dem Mâconnais beschäftigt, kommt an Jean-Philippe und Julien Bret kaum vorbei. Außerhalb der Burgund-Bubble ist der Name trotzdem noch deutlich weniger präsent als viele der großen Adressen weiter nördlich. Vielleicht ist genau das der Reiz: Das Mâconnais hat in den vergangenen Jahren einiges dafür getan, sein Image als Herkunft für unkomplizierte und günstige Burgunder abzuschütteln. Bret Brothers zeigen, dass Chardonnay hier mehr kann als unkomplizierten Durstlöscher.

    Chardonnay mit Herkunft

    Bei Bret Brothers steht die Herkunft im Zentrum – nicht die Frage, wie nah ein Chardonnay aus dem Mâconnais an einen großen Wein aus der Côte de Beaune herankommt, sondern was er an diesem südlicheren Ende Burgunds selbst zu erzählen hat.

    Dafür haben Jean-Philippe und Julien Bret 2001 ihre eigene kleine „Micro-Winery“ gegründet. Statt sich ausschließlich auf eigene Rebflächen zu konzentrieren, suchen sie gezielt nach kleinen Parzellen mit alten Reben und spezifischen Terroirs. Die Trauben stammen von ausgewählten Weinbauern und werden ausschließlich auf dem Stock eingekauft, von Flächen, die biologisch zertifiziert oder in Umstellung sind. Gelesen wird von Hand mit dem eigenen Team, danach übernehmen die Bret Brothers vollständig: natürliche Hefen, eigener Ausbau, eigene Abfüllung – derselbe Anspruch wie bei den Weinen ihres eigenen Weinguts La Soufrandière.

    Heute entstehen so rund 50.000 Flaschen aus etwa acht Hektar Rebfläche, verteilt auf 14 verschiedene Cuvées. Seit 2013 gehört auch das Beaujolais zum Sortiment. Klein ist der Betrieb also durchaus – klein im Anspruch allerdings nicht.

    Mâcon-Villages Cuvée Terroirs du Mâconnais 2024

    Was mich daran reizt: Hier landet Wein aus durchaus renommierten Appellationen in einer weniger prestigeträchtigen Flasche. Ein großer Teil der Cuvée stammt aus Fässern verschiedener Herkünfte – unter anderem Viré-Clessé „La Verchère“, Saint-Véran „En Combe“ und Pouilly-Fuissé „En Carementrant“. Also Appellationen, bei denen man durchaus genauer hinschaut, wenn man Burgund im Glas haben möchte.

    Eine ziemlich charmante Art, mit Hierarchien umzugehen: Was bei anderen vielleicht als zu schade für einen einfachen Regionalwein gelten würde, landet hier einfach in der weniger prestigeträchtigen Flasche. Auch bei der Vinifikation wird nicht gespart – die von Hand gelesenen Trauben werden als ganze Beeren gepresst und vollständig in 228-Liter-Eichenfässern vergoren und elf Monate darin ausgebaut.

    Im Glas: Reife Zitrusfrüchte, die sofort da sind, dahinter Steinobst und zarte Blüten. Als Kontrapunkt dazu etwas Rauchiges, ein Hauch Zündplättchen – eine mineralische Schärfe, die man eher mit kühleren, strengeren Weinen verbindet als mit einem so fruchtigen Auftakt.

    Am Gaumen bestätigt sich dieser Doppelcharakter: saftig, mit straffem Zug, getragen von einer gut integrierten Säure, die für Spannung sorgt, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Auffällig ist das kräftige Schmirgeln – eine Textur, die man diesem Wein angesichts der duftig-blumigen Nase auf den ersten Blick nicht zutrauen würde. Eine spürbare Salzigkeit gibt dem Ganzen zusätzlichen Halt.

    Helle, sommerliche Frucht auf der einen Seite, rauchig-schmirgelnde, salzige Struktur auf der anderen – diese Kombination macht den Wein interessant, auch wenn er kein Wein ist, der auf die große Bühne drängt.

    Für mich bleibt er vor allem eines: Nachschenken.

    Nicht unbedingt, weil er mit großer Komplexität beeindrucken will, sondern weil er diese Mischung aus Frucht, Zug, Rauch und salziger Textur so selbstverständlich zusammenbringt, dass das Glas plötzlich ziemlich schnell leer ist.

    Fazit

    Kein Geheimtipp mehr. Aber ein guter Tipp. Bret Brothers muss man nicht mehr verkaufen, dafür sind die Weine zu bekannt und der Ruf zu gut. Es lohnt sich trotzdem, den Namen auf dem Zettel zu haben – als Erinnerung daran, dass nicht jeder gute Wein eine große Appellation tragen muss. Dass in diesem Mâcon-Villages Partien aus deutlich prestigeträchtigeren Lagen stecken, macht ihn nicht automatisch zu einem großen Wein. Aber zu einem ziemlich interessanten.

    Bret Brothers. Mâcon-Villages Cuvée Terroirs du Mâconnais 2024. Kein ganz großer Name. Aber eine ziemlich gute Flasche Wein.

  • Spätburgunder in Baden 2024: Schwieriges Jahr, guter Wein?

    Spätburgunder in Baden 2024: Schwieriges Jahr, guter Wein?

    Manche Jahrgänge machen es den Winzern leicht. 2024 gehörte in Baden definitiv nicht dazu.

    Sehr früher Austrieb, Spätfröste im April, viel Regen, hoher Krankheitsdruck, schwierige Blüte – eigentlich alles, was ein Weinjahr braucht, um zur Achterbahn zu werden. Dass am Ende trotzdem gute bis sehr gute Qualitäten im Keller landeten, ist weniger selbstverständlich, als es die fertigen Weine vermuten lassen.

    Und genau das macht 2024 interessant: Der Jahrgang liest sich auf dem Papier deutlich schwieriger, als er sich im Glas präsentiert.

    Guter Anlass also, einen Spätburgunder aus diesem Jahr genauer anzuschauen – den Herrenstück Pinot Noir 2024 von Holger Koch aus Bickensohl.


    2024: Erst zu früh, dann zu nass

    Die Reben legten mit ungünstigem Timing los: früher Austrieb, dann im April noch einmal Kälte. Die Spätfröste trafen Baden nicht überall gleich hart – Mittel- und Nordbaden erwischte es deutlich stärker als den Süden, im Kraichgau und in Tauberfranken waren die Schäden teils dramatisch. Auch die Blüte machte nicht mit: Kühle Bedingungen führten regional zu Verrieselung und damit zu weiteren Ertragseinbußen.

    Und als wäre das noch nicht genug, folgte ein nasses, wechselhaftes Vegetationsjahr. Viel Wasser ist für Reben erst einmal keine schlechte Nachricht – in Kombination mit Wärme und häufigem Regen heißt es aber vor allem: Pilzdruck. Peronospora und Oidium verlangten den Winzern einiges ab, während die Reben gleichzeitig kräftig wuchsen und entsprechend viel Laubarbeit verlangten.

    Das Deutsche Weininstitut nennt 2024 folgerichtig einen ausgesprochen arbeitsintensiven Jahrgang – Spätfrost, Niederschläge und wechselhaftes Wetter machten den Weinbau vielerorts zum Balanceakt.

    Und darin steckt ein Problem, das über den Jahrgang 2024 hinausweist: Wärmere Frühjahre lassen die Reben früher austreiben – und erhöhen damit das Risiko, dass ein später Kälteeinbruch genau in eine besonders empfindliche Phase fällt. Auch beim VDP-Rückblick auf 2024 wird auf die deutlich früheren Entwicklungs- und Erntezeitpunkte der vergangenen Jahre hingewiesen.


    Weniger Trauben, aber nicht unbedingt weniger Qualität

    Die Schwierigkeiten schlugen sich auch in den Erträgen nieder: Für Baden wurde eine Erntemenge von rund 1,1 Millionen Hektolitern erwartet, etwa 14 Prozent weniger als im Vorjahr – Mittel- und Nordbaden traf es am härtesten, im Markgräflerland fiel der Rückgang deutlich moderater aus.

    Trotzdem fällt die Qualitätsbilanz erstaunlich positiv aus. Ende August drehte das Wetter: Längere sonnige, trockene Phasen nahmen dem Jahrgang die Spannung, die Hauptlese konnte Mitte September starten. Der Badische Weinbauverband rechnete entsprechend mit intensiver Frucht, moderatem Alkohol und etwas höherer, aber angenehmer Säure – gerade die Burgundersorten profitierten davon.

    Klingt vielversprechend. Aber was heißt das konkret für Spätburgunder?


    Spätburgunder zwischen Reife und Frische

    Bei kaum einer Rebsorte zeigen sich Jahrgangsunterschiede so deutlich wie beim Spätburgunder. In heißen Jahren tendiert Pinot Noir schnell zu reifer, dunkler Frucht, mehr Alkohol, mehr Konzentration – kann großartig sein, muss aber nicht.

    2024 war in Baden ein anderes Spiel: moderate Temperaturen, gute Wasserversorgung, langer Vegetationsverlauf – eine Kombination, die den Weinen Frische und Präzision geben konnte, während die geringeren Erträge für Konzentration sorgten. Das Deutsche Weininstitut erwartete für Baden entsprechend Weine mit intensiver Frucht, moderatem Alkohol und etwas höherer Säure.

    Auf dem Papier also gute Voraussetzungen für Spätburgunder.

    Vorausgesetzt, der Winzer ist im Weinberg heil durchs Jahr gekommen.


    Holger Koch: Herrenstück Pinot Noir 2024

    Ein Betrieb, an dem sich das gut beobachten lässt: Weingut Holger Koch in Bickensohl. Der Herrenstück Pinot Noir stammt aus der gleichnamigen Ortslage, Koch selbst beschreibt 2024 als kühles Jahr mit geringem Ertrag – kleine, konzentrierte Trauben.

    Der Ausbau ist klassisch: 18 Tage Maischegärung mit 30 Prozent ganzen Trauben und wilden Hefen, elf Monate Reife in 300- und 500-Liter-Holzfässern. Koch selbst nennt den Jahrgang feiner und knackiger als die Vorjahre, mit lang anhaltender Substanz und Entwicklungspotenzial. 12,5 Prozent Alkohol, 5,2 g/l Säure, 3,1 g/l Restzucker.

    Gerade in einem schwierigen Jahr wird interessant, wie stark sich die Handschrift des Winzers im fertigen Wein zeigt.

    Klingt nach einem Pinot Noir, bei dem der Jahrgang eine Rolle spielt. Ab ins Glas also.


    Holger Koch Herrenstück Pinot Noir 2024

    Die Nase eröffnet mit roten Früchten und Kirsche, unterlegt von einer leichten Süße, die den Wein von Anfang an zugänglich macht. Dazu gesellt sich eine Note Heu – ein kleiner, erdigerer Kontrapunkt, der die Frucht nicht dominiert, aber verhindert, dass der Wein rein süß-fruchtig wirkt.

    Am Gaumen setzt sich dieses Bild fort: Kirschbonbon, verspielt und unmittelbar zugänglich, trifft auf eine frische Säure, die für Zug sorgt. Dazu kommt ein ganz leichtes Schmirgeln, fast wie ein Hauch Bleistift – eine feine, kaum greifbare Textur, die möglicherweise vom Holz stammt, aber so dezent bleibt, dass sie eher Nuance als Strukturelement ist.

    Der Wein wirkt ausgesprochen rund: Nichts ragt heraus, nichts eckt an, alles fügt sich zu einem stimmigen Gesamtbild. Der Abgang ist mittellang, die Kirsche bleibt als letzter Eindruck zurück und schließt den Bogen zur Nase.

    Was diesen Wein auszeichnet, ist eher das, was nicht passiert, als das, was passiert: keine unangenehme Schärfe, kein aufdringliches Holz, kein Bruch zwischen Nase und Gaumen. Ein Pinot Noir, der einfach funktioniert, ohne sich groß anzustrengen.

    Große Dimensionalität sollte man trotzdem nicht erwarten. Keine Schichten, die sich nach und nach erschließen, keine Überraschung, die den Wein nach einer Stunde plötzlich größer wirken lässt. Das ist keine Kritik, nur eine Einordnung.

    Dieser Pinot Noir ist kein Wein für stundenlanges Nachdenken, sondern einer für den guten Trinkfluss. Er muss sich nicht beweisen, um zu gefallen.

    Und trotzdem ist er nicht ganz mein Beuteschema. Mir fehlt ein wenig die Spannung, die Tiefe und dieser Moment, der mich beim zweiten oder dritten Schluck noch einmal genauer hinschauen lässt. Aber genau darin liegt vielleicht auch seine Stärke: Er will gar kein Wein zum Sezieren sein. Er will getrunken werden.


    Was bleibt von 2024?

    Der Herrenstück Pinot Noir bestätigt einen guten Teil dessen, was man über 2024 liest: moderater Alkohol, eher rote als dunkle Frucht, ein unkomplizierter Zug, der ihn schnell zugänglich macht.

    Die Grenze zeigt sich aber auch: Die große Tiefe, die einen Spätburgunder für mich vom guten Trinkwein zum wirklich großen Wein macht, ist hier nicht drin. Eher horizontal als vertikal gebaut – angenehm in die Breite, ohne viele Schichten obendrauf.

    Und genau das ist vermutlich die Antwort auf die Frage vom Anfang: 2024 musste in Baden keine dicken, konzentrierten Kracher hervorbringen. Seine Stärke liegt woanders – Frische, moderate Kraft, unkomplizierter Trinkfluss. Beim Herrenstück funktioniert genau das ziemlich gut.

    Nicht spektakulär. Aber verdammt stimmig. Und manchmal ist genau das für eine Flasche Wein schon ziemlich viel – schwieriges Jahr hin oder her.


    Quellen

  • Die Mosel und die jungen Wilden

    Die Mosel und die jungen Wilden

    Ich mag junge Winzer. Nicht automatisch – aber besonders dann, wenn sie nicht versuchen, möglichst schnell wie der eigene Vater zu klingen und zu schmecken.

    An der Mosel gibt es gerade einige davon. Winzer, die ihre eigenen Vorstellungen haben und trotzdem ziemlich genau wissen, wo sie herkommen.

    Julian Haart gehört für mich dazu.

    Julian Haart hat bei einigen der Allerbesten gelernt und zeigt einen Stil, den man an der Mosel heute gar nicht mehr so häufig findet. Riesling mit richtig Zug, einer fast schon laserschwertartigen Säure und fein eingebundenem Restzucker – zum Beispiel beim JJ Kabinett 2023.

    Zitrone und reifer grüner Apfel, dazu Mineralik und ein Schiefer-Eindruck, der tatsächlich schmeckbar ist. Am Gaumen dann dieses Spiel aus Süße und Säure, bei dem nichts die Oberhand gewinnt.

    Und vor allem: Ganz viel Spaß im Glas.

    Der Trinkwiderstand ist gering, die Flasche dürfte an einem warmen Abend nicht allzu lange halten. Die ganz große Komplexität ist hier gar nicht das Thema … und dann ist die Flasche auch schon leer.

    Ein Name, an dem man an der Mosel kaum vorbeikommt: Max Kilburg.

    Nach seinem Weinbaustudium in Geisenheim und Praktika in Südafrika, den USA und Australien kehrte Max Kilburg in den elterlichen Betrieb zurück. Dort wurde – allem elterlichen Widerstand zum Trotz – auf biologische Bewirtschaftung umgestellt.

    Heute setzt Max Kilburg auf spontane Vergärung, langes Hefelager und möglichst wenig Eingriff.

    Der Olgisberg Riesling 2023 trocken zeigt das ziemlich gut. Die Nase ist intensiv und zitrisch, dazu Tee, grüner Apfel und Minze. Am Gaumen dann ordentlich Säure – so viel, dass man kurz blinzelt.

    Dazu feine Phenolik und ein leicht kreidiger Eindruck. Die Säure gibt dem Wein Struktur, die Phenolik sorgt für zusätzlichen Grip. Trotz der Wucht wirkt das erstaunlich gut integriert.

    Der Wein zeigt bereits etwas Reife, dürfte aber noch einiges vor sich haben.

    Was mir an solchen Weinen Spaß macht, ist gar nicht die Frage, ob einer nun einen Punkt mehr oder weniger verdient. Spannender ist, dass da eine Generation nachkommt, die offenbar ziemlich genau weiß, was sie will.

    Tradition gibt es an der Mosel schließlich schon genug. Da dürfen ein paar junge Wilde gerne dazwischenfunken.

  • Rkatsiteli und andere Zungenbrecher

    Rkatsiteli und andere Zungenbrecher

    Qvevri, Saperavi, Rkatsiteli, Ostkhanuri Sapere – das klingt alles ein bisschen nach Zungenbrecher-Wettbewerb. Und genau deshalb landet Georgien in vielen Köpfen in der Schublade „spannend, aber kompliziert“ und bleibt dann leider auch genau da liegen.

    Dabei tut sich gerade richtig was. Nicht nur die uralte Qvevri-Tradition mit den in der Erde vergrabenen Tonamphoren und der Maischegärung – eine neue Generation von Winzern versucht, georgische Rebsorten und Herkünfte so zu erzählen, dass man sie auch außerhalb Georgiens versteht, ohne dass jeder Wein wie eine Kopie aus dem Burgund schmecken muss.

    Und offenbar kommt das an: Die Einfuhren georgischen Weins nach Deutschland haben sich zwischen 2020 und 2024 mengenmäßig fast verdreifacht. (GTAI)

    Also: Zeit für eine Georgien-Probe. Neun Weine, quer durch die Zungenbrecher-Liste: Saperavi in drei Jahrgängen (2015, 2020, 2024), dazu Tsolikouri, Kisi, Aleksandrouli und Ostkhanuri Sapere. Orange Wine neben klassisch Ausgebautem, gereifte Flaschen neben taufrischen Jahrgängen.

    Das Ergebnis ist vor allem eines: ein ziemlich gutes Argument dafür, georgischen Wein nicht auf Qvevri und Orange Wine zu reduzieren.

    Säure ist nicht das einzige Gerüst

    Wer viel Riesling, weißen Burgunder oder Grünen Veltliner trinkt, hat gelernt: Struktur kommt vor allem über Säure. Bei georgischen Weinen tickt das oft anders – hier übernehmen Textur, Grip und Gerbstoff einen guten Teil dieser Aufgabe.

    Kann super funktionieren. Kann aber auch kippen, wenn’s zu breit wird. Genau dieses Spannungsfeld macht die Probe interessant.

    Die Weißen: eigenständig statt exotisch-für-exotisch

    Ilia Estate Taoba White 2024

    Reduktive Nase, reife Frucht, ein nussiger Einschlag. Am Gaumen voll, die Säure gut eingebunden – aber der eigentliche Star ist die Textur: schmierig-schmirgelnd, mit Grip und einem leicht bitterlichen Zug.

    Kein Wein, der sich in die übliche Weißwein-Schublade pressen lässt. Musste ihn mir zweimal einschenken, um ihn wirklich zu greifen – und genau deshalb bleibt er mir im Kopf.

    Oda Family Marani Tsolikouri 2023

    Rauchig-würzig, ätherisch, dazu reife Frucht. Klingt erstmal nach einer Kombination, die schnell ins Rustikale abrutschen kann.

    Tut sie nicht. Der Grip hält das ganze Aromen-Sammelsurium zusammen, der Wein bleibt strukturiert statt wild.

    Muss nicht wie ein europäischer Weißwein schmecken, um gut zu sein. Funktioniert einfach über seine eigene Sprache.

    Koncho & Co Kisi 2024

    Tee, Blüten, Kräuter in der Nase. Am Gaumen mittlerer Körper, mittlere Säure, astringierendes Tannin – tendiert eher Richtung breit als präzise.

    Dazu ein kleiner Schatten, der sich nicht ganz sauber anfühlt. Kein K.-o.-Kriterium, eher ein leichtes Fragezeichen über einem sonst durchaus ansprechenden Bild.

    Zeigt aber schön: Auch ein Weißwein kann sich über Textur und Gerbstoff definieren, nicht nur über Aromatik.

    Mosmieri Tsinandali 2024

    Frisch, kräuterwürzig, reife Frucht im Hintergrund. Mittlere Säure, etwas Grip – aber die 13 % Alkohol sind noch nicht ganz eingebunden und drängen sich mehr vor, als dem Wein guttut.

    Mittellanger Abgang.

    Tsinandali ist eine der bekanntesten georgischen Herkünfte – und ein gutes Beispiel dafür, dass ein großer Name allein noch keine große Qualität macht.

    Saperavi: Georgiens Trumpfkarte?

    Wenn eine Sorte Georgien international einen eigenen Platz erobern kann, dann diese: dunkel, tanninreich, kraftvoll. Kann schnell too much werden – internationale Verkoster betonen gerade bei Saperavi, wie wichtig ein kontrolliertes Tannin- und Extraktionsmanagement ist. (IWSC Wettbewerbe)

    Es wurden drei Saperavi aus drei Jahrgängen probiert. Kein sauberer Vergleich, dafür sind Produzent, Lage und Ausbau zu unterschiedlich – aber zusammen zeigen sie ziemlich gut, was in der Sorte steckt.

    Mosmieri Saperavi 2015

    Pfeffer, Kompott, gekochte Frucht, im Hintergrund Kräuter. Am Gaumen fein integriertes Tannin mit Grip.

    Und dieser Grip ist der Gamechanger: Elf Jahre nach der Ernte wirkt der Wein nicht müde, sondern zusammengewachsen. Kraft und Reife nebeneinander, ohne sich gegenseitig im Weg zu stehen.

    Für mich einer der stärksten Eindrücke der ganzen Probe – und der beste Beweis, dass gereifter Saperavi eben kein kurioser dunkler Rotwein aus dem Ausland ist, sondern Reife und Struktur ernsthaft draufhat.

    Bedoba Saperavi Reserve 2020

    Feinere Nase, dunkle Beeren, gekochte Frucht, fein eingebundenes Tannin, das sich nicht in den Vordergrund drängt – genau das macht den Wein so trinkig.

    Kleine Erkenntnis am Rande: Die Power der Sorte ist nicht das Problem. Entscheidend ist, wie damit umgegangen wird.

    Ziari Estate Saperavi Single Vineyard 2024

    Der Jüngste im Bunde geht direkter zur Sache: gekochte Frucht, schmirgelndes Tannin mit Grip, mittellanger Abgang. Wenig Reife, klar – aber Frucht, Tannin und Grip sitzen schon jetzt geradlinig zusammen. Wieder ist es die Textur, die den Wein trägt.

    Drei Saperavi, drei Jahrgänge, drei ziemlich unterschiedliche Entwicklungsstadien – und trotzdem zieht sich ein roter Faden durch die Weine: Saperavi kann Kraft und Struktur, ohne zwangsläufig schwer oder plump zu wirken.

    Das ist kein Beweis, dass Georgien schon auf Augenhöhe mit den großen Rotweinregionen spielt. Aber ein ziemlich gutes Argument dagegen, Saperavi als exotische Randnotiz abzutun.

    Und dann die Namen, die wirklich niemand aussprechen kann

    Saperavi hat’s einfach: dunkel, kräftig, tanninreich, leicht erzählbar. Kisi, Tsolikouri oder Ostkhanuri Sapere müssen sich ihren Platz im internationalen Weinwortschatz erst noch erkämpfen.

    Gvantsa’s Wine Ostkhanuri Sapere 2024

    Kräuter, Würze, gekochte rote Früchte, Himbeere – dazu ein leicht bitzeliges Gefühl auf der Zunge, das dem Ganzen Leben einhaucht. Kein Wein, der über Wumms beeindrucken will. Seine Stärke: die Kombination aus Würze, Frucht und dieser fast spielerischen Lebendigkeit.

    Koncho & Co Aleksandrouli 2020

    Nicht jeder Wein muss ein Highlight sein, und dieser hier ist keins. Veilchen, Bleistiftspitze, warme gekochte Frucht in der Nase. Am Gaumen nicht ganz trocken, mittlere Säure – zusammen ergibt das einen breiten, wenig spannungsreichen Eindruck. Für mich fügen sich die Elemente nicht zur gewünschten Spannung zusammen.

    Und trotzdem gehört er für mich zum Gesamtbild dazu. Eine ernsthafte Weinregion erkennt man nämlich nicht daran, dass jeder Wein ein Ausrufezeichen ist – sondern daran, dass genug Weine da sind, bei denen sich das genauere Hinschauen lohnt.

    Wo steht Georgien eigentlich?

    Spannendere Frage als die nach der Qvevri, ehrlich gesagt.

    Georgien muss sich nicht neu erfinden. Eigene Rebsorten, eigene Weinbautradition, klar erkennbare Herkunft – das haben viele jüngere Weinregionen erst mühsam zu entwickeln. Die eigentliche Aufgabe: diese Eigenständigkeit so zu übersetzen, dass sie international ankommt.

    Und genau da tut sich gerade was: Georgischer Wein wird auf internationalen Messen sichtbarer, und die Aufmerksamkeit bleibt längst nicht mehr bei Saperavi und Qvevri stehen – Kisi, Tsolikouri und Co. rücken bei Wettbewerben zunehmend mit ins Bild. (The Buyer)

    Auch der Export wächst: 2025 gingen 11,5 Millionen Liter georgischen Weins nach Europa, Deutschland war mit 1,3 Millionen Litern der zweitgrößte Abnehmer hinter Polen. (Weinbehörde Georgien)

    Heißt nicht, dass Georgien jetzt neben Burgund und Barolo steht. Muss es auch gar nicht. Die überzeugendsten Weine dieser Probe funktionieren nämlich gerade dann, wenn sie ihre Herkunft nicht verstecken: der Taoba über Textur, der Tsolikouri über Grip und Rauch, die Saperavi über Tannin und Reifepotenzial, der Kisi über Tee und Kräuter.

    Keine Kopien bekannter Stilbilder – eigene Handschrift.

    Fazit: mehr Kapitel, weniger Fußnote

    Was bleibt von neun Weinen, drei Jahrgängen Saperavi und ziemlich vielen Zungenbrechern?

    Vor allem das: Georgien ist auf dem Weg vom Weinland mit der spektakulären Geschichte zum Weinland mit einer richtig spannenden Gegenwart. Die Qvevri bleibt wichtiges Erbe, muss aber nicht die einzige Story bleiben – Tradition und moderne Präzision können locker nebeneinander existieren.

    Der Saperavi 2015 war für mich der beste Beleg dafür: kein museales Kuriosum, sondern ein Wein mit integriertem Tannin, Grip und eigener Sprache. Und daneben ein Tsolikouri, den außerhalb Georgiens kaum jemand kennt und der gerade durch seine Eigenständigkeit überzeugt.

    Georgien muss nicht das nächste Frankreich werden. Muss auch nicht wie Italien, Spanien oder Österreich schmecken. Wenn die besten neuen georgischen Weine ihren eigenen Charakter behalten und gleichzeitig genug Präzision mitbringen, schafft sich das Land seinen Platz im Weinpanorama ganz von allein.

    Nicht als exotische Fußnote. Sondern als eigenes Kapitel – Zungenbrecher inklusive.

  • Hallo Welt – und willkommen bei Flaschenroulette

    Hallo Welt – und willkommen bei Flaschenroulette

    Noch ist hier vieles im Aufbau. Aber irgendwann muss man einfach anfangen. Und genau das möchte ich mit diesem Blog tun: über Wein schreiben, Weine probieren, Dinge hinterfragen und dabei möglichst wenig so tun, als gäbe es auf jede Weinfrage eine endgültige Antwort.

    Wer wissen möchte, wer hinter Flaschenroulette steckt und was mich antreibt, findet mehr auf der Über mich-Seite.

    Für den ersten Wein habe ich einen gewählt, der ziemlich gut zu dem passt, was ich mir für diesen Blog wünsche:

    Philipp Kuhn Chardonnay Dirmsteiner „vom Kalkmergel“ Ortswein 2024

    Intensive Nase mit Schmelz und einer ätherischen Note, dazu Zitrusschale und reife Frucht. Am Gaumen trifft eine herzhafte Säure auf Steinobst – voll im Mund, mit einem leichten Bitterl, das für Kontur sorgt. Im Nachhall bleiben Nüsse und eine angenehme, leicht herbe Note.

    Fülle und Frische schließen sich hier nicht aus, sondern tragen sich gegenseitig. Sehr schön!

    Ein ziemlich schöner Auftakt also. Und vielleicht auch ein kleines Versprechen für das, was hier noch kommen soll: Weine, die nicht in erster Linie über Rankings und Bewertungen funktionieren, sondern über das, was sie erzählen und welchen Charakter sie haben.

    Dabei wird es um deutsche Weine gehen, um Regionen und Winzer, um Jahrgänge und Stilfragen – aber genauso um Entdeckungen abseits bekannter Pfade und der großen Namen. Mal begeistert, mal kritisch, hoffentlich immer mit einer eigenen Meinung.

    Flaschenroulette ist damit eröffnet.

    Schön, dass ihr da seid.